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Küster im Kirchenkreis Mecklenburg

in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland

OKR i.R. Andreas Flade

Liebe Küsterinnen und Küster!

Auf dem Altar der Bützower Stiftskirche ist als Mittelpunkt das Sterben eines Menschen dargestellt, nämlich der Tod Marias, der Mutter Jesu. Das ist für das Hauptbild eines Altars ungewöhnlich und ziemlich einmalig. Ich war in Bützow Pastor und hatte am Altar immer dieses Bild vor mir. Es ist eine kunstvoll und liebevoll gestaltete Szene: Maria liegt auf einem Bett. Um sie sind die Apostel Jesu versammelt. Das hatte sie sich für ihre letzte Stunde so gewünscht, erzählt die Legende, und das sei ihr auf wundersame Weise auch erfüllt worden. Sie sind alle da und stehen ihr bei. Einer beugt sich zu ihr herab und legt ihr eine Lilie in die Hand. Einer kniet bei ihrem Kopf mit einem aufgeschlagenen Buch. Ein anderer zu ihren Füßen hält ebenfalls ein offenes Buch. Singen und beten sie daraus? Aufmerksam blicken sie alle zu ihr hin, einer sogar mit einem Binokel auf der Nase, einer Brille aus früheren Zeiten, um alles besser sehen zu können. Unter dem Bett lugen Marias Pantoffel hervor. Maria geht geborgen und im Frieden heim, erzählt das Bild getreu der Legende.

Das Corona-Virus Covid 19 hält unsere Welt seit über einem Jahr in Atem. Es hat vieles verändert. Wir können nicht so, wie wir wollen, es sei denn, wir setzen uns und andere der Gefahr der Ansteckung aus. Das kirchliche Leben ist auf den Kopf gestellt worden: Was hat alles nicht mehr stattgefunden! Was mußte alles anders gemacht werden! Was ist alles neu erfunden worden, denn Not macht erfinderisch! Das alles ist geschehen, weil uns der Tod so auf den Leib gerückt ist. Wir haben das Sterben wieder stärker vor Augen. Aber nicht nur vor Augen, weil andere Menschen sterben. Auch in uns regt sich die Frage, ob es uns selbst betreffen wird, ob also diese Krankheit auch uns erreicht und wenn ja, ob sie uns dann leben lässt oder nicht.

Nicht dass der Tod uns nicht auch sonst auf den Leib rücken würde. Mit Thomas Konradt ist im Februar dieses Jahres ein Küster im aktiven Dienst gestorben, dessen Fröhlichkeit und dessen Einsatzfreude vielen von uns lebendig in Erinnerung sein werden. Nur: Das Corona-Virus hat den Tod noch mehr verbreitet und noch heimtückischer gemacht. Heimtücke ist eine Seite des Todes. Zu dieser Seite gehört auch das Dunkle und Furchteinflößende und das Unbegreifliche an ihm.

Doch da ist auch die andere Seite des Todes: Dass das Kämpfen aufhört, dass die Lasten abfallen, dass am Ende Frieden einkehrt. Nicht immer können geliebte und vertraute Menschen um einen Sterbenden sein, wie es vom Sterben der Maria erzählt wird. Wegen Corona sind viele einsam gestorben. Aber der Friede muss nicht unbedingt von den Menschen abhängen, die einen am Ende begleiten oder die halt nicht da sind. Der Friede kann auch wie von selbst zu einem kommen. Es kann sein, dass sich an der Schwelle vom Leben zum Tod eine Geborgenheit auftut, die es dem Sterbenden möglich macht, hier alles loszulassen.

Bedeutet die Geborgenheit, dass wir erwartet werden? Holt uns jemand ab? Nimmt uns jemand an die Hand auf dem Weg ins Licht? Auf dem Bützower Altar nimmt Jesus Maria nach ihrem Tod wie ein Kind auf den Arm und trägt sie heim. Dürfen wir am Ende nach unserer Lebensreise einfach wieder Kind sein und werden wie Kinder heimgeholt?

In unseren Kirchen wird oft mit Bildern zur Sprache gebracht, was sich in Worten nicht so sagen lässt: Da haben z.B. alle, die um ihres Glaubens willen sterben mussten, Märtyrer nennen wir sie, eine Krone auf dem Kopf. Ihr Tod ist oft schrecklich gewesen. Aber sie sind gekrönte Häupter. Denn ihr Leben hat sich erfüllt. Es ist nicht abgebrochen worden, wie es zunächst schien. Es ging auf ein Ziel zu, und dieses Ziel hat es erreicht. Zwar hatte keine und keiner von ihnen den Wunsch, früh sterben zu müssen. Aber ihr Sterben hat nicht zunichte gemacht, was ihr Leben war. Ihr Sterben hat es auf den Punkt gebracht - und darauf kommt es an.

Corona auf Latein, Krone auf Deutsch heißt das Virus, das uns zu schaffen macht. Vielleicht hilft uns die mächtige Bedrohung, die von ihm ausgeht, noch mehr auf unser Leben zu achten: Wie wir leben wollen, worauf es uns ankommt und wodurch es schließlich gekrönt sein soll, dieses unser Leben. Damit wir es irgendwann oder demnächst in Frieden loslassen können - wie Kinder, die ihr Spiel zu Ende gespielt haben und auf die zu Hause gewartet wird.
Ihr
Andreas Flade

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