20 | 05 | 2012

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Ich möchte mich auf die Ewigkeit vorbereiten

Pastor Lutz Jastram aus der Schweriner Bernogemeinde geht zum 1. Januar in den Ruhestand

Lutz Jastram ist Urmecklenburger, geboren am Nikolaustag 1948 in Ludwigslust, aufgewachsen in Grabow. Sein Vater war einer der letzten selbständigen Steuerberater in der DDR, damit war er C-Kind. A- und B-Kinder waren Arbeiter- und Bauernkinder - sie hatten die größten Chancen auf Abitur und Studium. Für Handwerker- und Intelligenzkinder sah das schon anders aus. So machte Lutz Abi mit Berufsausbildung - diese Kombination gab es nur sechs Jahre in der DDR. Das üblichere war Berufsausbildung mit Abitur. Er wurde Gerber. Dann wollte er Pharmazie studieren. Aber einer, der den Dienst an der Waffe verweigerte und sich zur Jungen Gemeinde und Landeskirchlichen Jugendarbeit mit Pastor Udo Struck hielt, hatte keine Chance in der DDR, seinen gewünschten Studienplatz zu bekommen.
So studierte er in Leipzig am Theologischen Seminar. Gern erinnert er sich an sein Vikariat und seinen Mentor Pastor Arvid Schnauer in Rostock: "Ich hätte auch ein Leben lang Student oder Vikar bleiben können...", sagt er verschmitzt.
32 Jahre war Jastram Pastor in der mecklenburgischen Landeskirche, von 1978-91 Dorfpastor in Karbow, anschließend bis zu seinem selbst gewünschten vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand zum 1. Januar 2011 in der Schweriner Bernogemeinde. Die letzten drei Jahre verzichtete er auf ein Viertel seines Gehalts und teilte mit einem jungen Kollegen, Ralf Schlenker, die Pfarrstelle.
Jastram freut sich auf die freie Zeit. In den kommenden Wochen will er sich eine private Wohnung suchen und ein Jahr lang außer zu den Filmabenden seinen Fuß nicht in seine alte Gemeinde setzen, um einem Nachfolger, einer Nachfolgerin nicht im Weg zu sein. "Mal sehn, ob mir das gelingt." Er wird gewiss weiter predigen und Menschen besuchen.
Er will reisen, wandern, weiter in der kirchlichen Rundfunkarbeit tätig sein, schreiben und "sich auf die Ewigkeit vorbereiten". Vielleicht trifft er dann auch endlich den Menschen, mit dem er gern zusammenleben möchte.


Vorspann
Jeder Vikar bekam zum Abschluss der Predigerseminarsausbildung einen Wunsch für den Pastorendienst vom damaligen Rektor Dr. Uwe Schnell mit auf den Weg: Lutz Jastram sollte sich bei seinen Predigten an sein Konzept halten - im Gegensatz zu den anderen Vikaren, denen geraten wurde, sie sollten sich lösen - aber Lutz redete schon immer gern und lange. Der zweite Wunsch galt allen: sie sollten Besuche machen.

Ob er sich in seiner Dienstzeit als Pastor in der kleinen Dorfgemeinde Karbow südlich von Lübz mit 1 200 Gemeindegliedern und fünf Kirchen, und später in der Stadtgemeinde in Schwerin an den ersten Wunsch immer hielt, mögen andere einschätzen. Dass er den zweiten Wunsch stets als ureigenste Aufgabe eines Pastors ansah, ist unbestritten. Nach viereinhalb Jahren Dienst hatte er alle Häuser in Karbow drei Mal besucht. In manchen war er gebeten worden, abends, nach Einbruch der Dunkelheit wiederzukommen. So war das zu DDR-Zeiten...
13 Jahre Dorfpastor: "Geschichten könnte ich erzählen..." ist einer von Lutz Jastrams Lieblungssätzen. "In Karbow musste ich sowieso in die Häuser gehen, um mich aufzuwärmen", denkt er an sein eiskaltes großes Pfarrhaus zurück. Aber auch um seine Seele aufzuwärmen, sagt er, ging er gern zu den Leuten im Dorf. Jeder, auch die SED-Genossen, kannte den Pastor - und sei es vom täglichen Mittagessen in der Betriebsküche der Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG).

Pastor in der Disco

Alle 14 Tage an den Wochenenden fuhr er mit seinem Trabi zur Disco in die Nachbardörfer nach Vietlübbe oder Kreien. "Bewusst bin ich immer mit dem Auto gefahren - da konnte ich nichts trinken und habe so manchen `Angeschossenen` nach Hause gefahren." Zum Tanzen sei er nicht viel gekommen - der Pastor war zum Reden da. Und auch, um Konflikte zu entschärfen, die es unter den Jugendlichen der verschiedenen Dörfer gab. Er aber war schließlich Pastor von a l l e n.
Nach ungefähr zehn Jahren stellte sich für ihn die Frage nach einem Wechsel. Bis heute staunt er, wie sich alles gefügt hat: Er konnte sich eine neue Arbeit am besten im Neubaugebiet Wismar-Wendorf oder in der Schweriner Weststadt mit der Kirchenbaracke vorstellen. "Ich bin ein unpraktischer Mensch", schätzt Lutz Jastram sich ein. Von Bauaufgaben wie in Karbow oder seinen anderen Kirchen hatte er genug. "Und ich liebe Gemeinden, die nichts am Hals haben, aber was am Hut, die beweglich sind......." Einer von Lutz Jastrams Sprüchen, über die man lächeln kann und nachdenken.

Kirchgemeinde mit Stallgeruch

Jastram wollte gern - wie in seiner Vikariatszeit in der Rostocker Südstadt - in eine Neubaugemeinde mit übersichtlichen Räumen, "mit Stallgeruch, wo man nicht allein gelassen ist - wo man beim Weinen der Nachbarin ein Taschentuch reichen oder beim Lachen dem anderen auf den Schenkel klopfen kann", sagt er. Gleichzeitig aber auch: "Ich liebe mittelalterliche Kirchen - wenn ich nicht bauen muss - schließlich habe ich über 20 Jahre im Doberaner Münster Führungsgruppen begleitet." Und geht jeden Mittwoch früh um halb sieben in den Schweriner Dom zur Mette, "um meine liturgische Seite auszuleben".
Im Januar 1989 kamen Gemeindeglieder aus der Bernogemeinde in Schwerin in seinen Gottesdienst in Karbow und wollten ihn zu sich in die Kirchgemeinde locken. Gerade in den Zeiten der Wende - aber in seinen Dörfern "war es ruhig". "Wir hörten nur, dass in Schwerin in der Paulskirche was los war, in Parchim, sogar nebenan in Lübz. Die Gemeindeglieder fragten bald, ob ich auch weggehen werde - in die Politik." Aber das wollte Jastram nie, genauso wenig wie er zu DDR-Zeiten im Westen leben und arbeiten wollte. Er wollte immer Pastor sein - und das hier.

"Ich fühle mich angenommen."

Es dauerte noch über zwei Jahre, bis er als Pastor in der Bernogemeinde mit ihren damals rund 1 300 Gemeindemitgliedern eingeführt wurde. Er habe sich sehr schwer in Schwerin eingelebt, blickt Jastram zurück. Der Konvent war schwierig, ihm, der immer alleine lebte, fehlte die familiäre Atmosphäre aus Karbow. "Die Bernogemeinde hat mich mit offenen Armen empfangen, aber das Leben in der Stadt war gewöhnungsbedürftig."
Jastram war begeisterter Kirchentagsteilnehmer - unter anderem auch, weil dort schon sehr früh das Thema Homosexualität in der Kirche bearbeitet wurde. Vor ungefähr sieben Jahren teilte er seiner Bernogemeinde mit, dass er schwul sei. Es gab keinen Aufschrei, keine Kirchenaustritte, erzählt er, "ich fühle mich angenommen als schwuler Kollege und in meiner Gemeinde". Er freut sich über die Kirchenzeitungsmeldung von vor vier Wochen, dass nun auch die bayrische Landessynode keine grundsätzlichen Bedenken hat, wenn homosexuelle Pastoren im Pfarrhaus mit ihrem Partner zusammenleben. Seit drei Jahren arbeitet Jastram mit in der Projektgruppe Lebensformen, die in unseren beiden Landeskirchen das Thema Homosexualität bearbeitet.

Küsterpastor

Ein weiteres wichtiges Aufgabenfeld neben seiner Gemeindepastorentätigkeit war für ihn die Arbeit mit den Küstern in der mecklenburgischen Landeskirche. Diese Beauftragung wird er bis zur nächsten Küsterrüste im Herbst 2011 wahrnehmen. Die langjährige Vorsitzende der Küsterarbeitsgemeinschaft, Christine Schade aus Crivitz, sagt, Jastram habe die Arbeit auf ein neues Niveau gebracht. Sein Vorgänger, der inzwischen verstorbene Pastor Arnold Zarft, habe die Küster väterlich begleitet. "Bei Lutz sind wir eigenständig. Wenn er uns verlässt, sind wir nicht verlassen!"

Marion Wulf-Nixdorf